1983, Sommer

Ich zwinkere. Für einen kurzen Augenblick bleibt alles still. 

Ich zwinkere nochmals. Ich fliege, lande. Ein dumpfes Geräusch – ein Pfloff fast wie im letzten Asterix-Band während einer Keilerei mit den Römern.

Zuerst ein dumpfer Aufprall, dann ein Knacksen. So wie eines dieser dürren Fichtenästchen, wenn ich darauf trete. Ein zerbrechliches Knacksen. Beinahe wie das Weinglas, das ich letzte Woche beim Abtrocknen etwas zu fest gedrückt hatte. Als ich Mama bei der Abwasch half.

Ein Aufprall, das Knacksen. Jetzt geht das Gewimmere los.

 

Im Halbdunkel liegend blicke ich unter mich. Während der Aufprall eindeutig unterhalb von mir war, bin ich mir beim Knacksen nicht sicher. Was ist zerbrochen. Etwas da gleich unter mir, etwas bei mir? In mir?

Egal. Das Klagen kommt jedenfalls aus zehn, fünfzehn, zwanzig Zentimetern Nähe, tiefer. Es ist unerträglich. Nicht unerträglich laut, nein. Aber unerträglich nah. Unerträglich er.

Ich stemme meine Arme in den Stütz, mühsam. Ich versuche mich mit Schwung zu erheben. Wieder ein Augenblick scheinbar vollkommener Stille. Ein zweiter Moment Ruhe, als ob mein Aufstehen dem Lärm Pause gebietet. Mein Schrei setzt ein. Ich verspüre wilde Schmerzen. Kreische, während sich mein Wimmern mit dem anderen vermischt – dem Jammern, Brüllen, Weinen.

Ich stehe auf meinen zwei Beinen. Nehme meine staubigen Socken, die zerschlissenen Sportschuhe und gehe zum Licht. An Sophie und Florentina vorbei.

»Hallo, Sophie«, sage ich und trete aus dem Halbdunkel unseres Lieblingsbaumes.
Meines Lieblingsbaumes. Meines. Meines.

 

 

Auszug aus: Stefan Karl. „Zwölf Senkrecht.“ iBooks.